Mütter, soziale Medien und der Mob der Mistgabeln

Ich habe mich nie als Märthyrerin gesehen. Doch seit kurzem fühle ich mich, als hätte ich eine Revolution beendet. Als hätte ich einen Aufstand niedergeschlagen. Als hätte ich die Demokratie eingeführt. Wäre dem wirklich so gewesen, würde ich mich nun zurücklehnen und mir eine leicht gesüßte Tasse Tee bringen lassen. Doch das einzige, was ich getan habe, ist, dass ich mich gegen brennende Fackeln und Mistgabeln gestellt habe, als das Feuer deutlich zu warm und die Spitzen der Bauernhofgerätschaften gegen die eigene Art gerichtet wurden: Mütter.

Ja ja, diese Mütter, die aufgrund ihrer Situation eigentlich alle miteinander befreundet sein müssten, gemeinsam in den Urlaub fliegen, sich heulend in den Armen liegen. Stattdessen werden, fast schon wie im beruflichen Konkurrenzkampf, fadenscheinige Gründe gesammelt, weswegen das durch Milch bedingt vollbusige Gegenüber dem eigenen Selbst in so vielen Dingen nachsteht und eigentlich gar nicht in der Lage sein KANN, ein Kind zu ernähren, geschweige denn großzuziehen. Ich bin keine Psychologin und möchte es auch nicht allein aufgrund meines Drangs, zu leben und leben zu lassen, werden. Aber ich beobachte gern. Beobachte, wie in einer Gruppe eines sozialen Netzwerks, die sich mit scheinbar gravierenden Unwissenheiten über das Stillen beschäftigt, plötzlich Sätze fallen, die mich ins Mark treffen.

Recht hat, wer ausfallend wird

Ich habe gestillt, deshalb fand ich mein Beisein in dieser Gruppe anfangs recht unterhaltsam. Zugegeben, was manche Frauen meinen über das Stillen zu wissen, ist auch durchaus unterhaltsam – was nicht zuletzt an der Inkompetenz anderer liegen muss, denen diese frischgebackenen Mütter, hilflos wie sie sind, Glauben schenken und aus der Hand fressen. So gefährlich das ist, so gefährlich sind allerdings auch die Tendenzen, mit denen ich in den vergangenen Wochen in dieser Gruppe konfrontiert wurde. Die Christels oder Melanies oder Sabines, die normalerweise eine solche Gruppe administrieren, haben eine Grenze überschritten.

Eine Gruppe, in der stets dazu angehalten wurde, sich zu amüsieren (wenngleich über andere Mütter), wurde nun zum Mob. Anlass war die Anfrage einer Mutter, die gern Teil der Gemeinschaft geworden wäre. Doch sie hatte einen Makel, der anscheinend unverzeihlich war: Sie arbeitete bei Nestlé. Nestlé, dieses Schweizer Sammelsurium von Vergiftern, Menschenquälern und Weltzerstörern, wollte sich in die heiligen Hallen einmischen. Es lag für viele Gruppenmitglieder auf der Hand, dass diese Frau dort vor Milchpulver zuständig sei und nun versuchen würde, aus der Gruppe Informationen zu beziehen, sie womöglich gegen irgendwen zu verwenden, ja, dort nur zu spionieren und dann … ja, was dann?

Stillende Mutter oder Versagerin?!

Was ist so interessant für Nestlé an einer frustrierten Mutter, die im Leben nichts hat, weswegen sie sich ausschließlich darüber definiert, dass sie sich in diesem Internet einen Kreis von gleichgesinnten Lästerschwestern aufbauen konnte und ihrem Kind regelmäßig die Brust in den Mund steckt? Eine Brust, die übrigens naturgegeben mit Milch gefüllt ist, bei allen Müttern (wenn auch mal weniger, mal mehr, als unzureichend). Nicht nur bei Auserwählten, die sich durch besonders intensives Brust-in-den-Mund-stecken den Rang des Still-Offiziers erarbeitet haben.

„Flaschenmütter und solche, die das mit dem Stillen nicht ganz ernst nehmen, will ich hier auch nicht in dieser Gruppe!“, hallte es von den Pinnwänden. Das war der Abschluss einer Diskussion, die nie eine war. Liebe stillende Mutter, die du gern Teil der Gruppe geworden wärst: Tröste dich. Ich tröste dich. Denn obwohl du eine von ihnen bist, haben sie dich aufgrund deines Jobs und wilder Theorien, die auf nichts als fußen als wirren Gedanken, Unwissenheit und Desinteresse an deiner Person, verurteilt und verstoßen.

Seitdem recherchiere ich, in welchem Kindergarten und welcher Schule des Landes ausschließlich Kinder aufgenommen werden, die in den Pausen von ihren Müttern besucht und gefüttert werden. Nicht, weil ich es verurteilen möchte, sondern weil ich es spannend finde. Denn irgendwo müssen die Mitglieder dieser virtuellen Gruppe sich ja weiterentwickeln, auf ihre Art. Wenn nur diejenige Frau etwas wert ist, die stillt – nur stillt und für immer stillt -, die jedoch nicht, die zu einem beliebigen Zeitpunkt der Kindesentwicklung doch eine Babyflasche hinzuzieht, geschweige denn Milchpulver, womöglich auch noch Pulver vom Klassenfeind.

Mutter, das ist ja abartig!

Ich habe das dringende Bedürfnis, selbst einen tiefen Schluck aus der Babyflasche zu nehmen. Woher das Milchpulver stammt, interessiert mich in diesem Moment nicht, denn mir war das Wichtigste, dass mein Baby die Milch mag, verträgt, keine Bauchschmerzen, Durchfall, andere Beschwerden davon bekommt. Ich glaube, die Verpackung war weiß. Oder gelb. Oder blau. Ich bin mir nicht mehr sicher.

Womit ich mir aber sicher bin, ist, dass ich nun Plakate basteln werde. Das wird ein Spaß. „Was, du STILLST? Das ist ja abartig!“ – „Was, du gibst die FLASCHE? Das ist ja abartig!“ – „Was, du kochst BREI selbst? Das ist ja abartig!“ – „Was, du kaufst GLÄSCHEN? Das ist ja abartig!“ – „Was, dir liegt was am Wohl deines KINDES? Das ist ja abartig!“ – „Was, es ist dir wichtiger, was andere von dir denken als du dir SELBST? Das ist ja abartig!“