Brief an Netflix: Was hat es mit dem geheimen Status auf sich?

Von allen Farben kann das menschliche Auge am meisten Grüntöne wahrnehmen. Genau diese Schattierung markieren das Auf und Ab in der Beziehung zu meinem Serien-Dealer. Denn was bedeutet ein heimlicher Farbwechsel? Ein offener Brief an Netflix!

Liebes Netflix,

du hast mich zu etwas Besonderem gemacht! Dank dir gelte ich in meinem Freundeskreis als „die, die jede Serie kennt, egal welche“. Ich bin die personifizierte Version deiner auf Interessen des Zuschauers basierten Empfehlungen. Meine Einschätzung und Beurteilung zu Serien ist gefragt wie nie, gemeinsam haben wir mir ein Alleinstellungsmerkmal verschafft. Und dafür bin ich dir dankbar.

Durch dich habe ich eine fachliche Expertise aufgebaut, die mir sowohl beruflich als auch privat Vorteile bringt, mir neues Wissen zugänglich macht und mir erlaubt, mich mit meiner Meinung öfter auch mal weit aus dem Fenster lehnen zu dürfen. Doch seit geraumer Zeit habe ich das Gefühl: Unser Verhältnis ist gestört.

Warum ich das glaube? Dafür muss ich vorne anfangen: In den vergangenen Monaten haben wir recht viel Zeit miteinander verbracht. So viel Zeit, dass mir sofort aufgefallen ist, als sich eine Kleinigkeit in unserer Beziehung geändert hat: der Status. Zumindest die farbliche Codierung meines Accounts. Seit ich denken kann, begrüßte mich beim Eintritt in mein serielles Paralleluniversum ein sanftes Meeresgrün. Das voreingestellte Profilbild, dessen Farbe grob der #0d7e80 des RGB-Farbraums entsprechend dürfte, lachte mich an und sagte mir still: „Komm, komm mit, erlebe etwas Neues, ich habe da was ganz Besonderes für dich vorbereitet! Nur für dich!“

Dann kam der geheime Netflix-Status

Ich weiß nicht, wie viel hunderte Stunden später es passiert ist, doch eines schönen Tages im August 2016 änderte sich die Farbe. Ganz ohne mein Bitten und Handeln war das vertraute Grün verschwunden und einer neuen Farbe gewichen. Es war eine Art Jägergrün, ganz in Richtung #87a83f, man könnte auch sagen: ein Herbstgrün. Ich wusste zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht, dass man die Profile, ihre Farben und Bilder, verändern kann. Deine Inhalte waren mir immer wichtiger als das Profilbild, daher hatte ich es nie versucht und hätte es gegebenenfalls überhaupt nicht geschafft. Niemand sonst nutzt meinen Account, der sich daran hätte vergehen können.

Doch dann wurde es mir klar: Ich bin eine Auserwählte. Du hattest mich belohnt. Belohnt für hochgerechnet 73 Tage* und zwei Stunden meines Lebens, die ich nur mit dir verbracht habe. Und das in etwas mehr als einem Jahr Nutzungszeitraum aufgrund meiner Elternzeit. Die neue Profilfarbe war keineswegs ein Versehen, sondern eine Art geheime Botschaft, ein verstecktes Level, das ich mir durch mein Serienjunk-Verhalten freigespielt hatte.

Ich war stolz. Und wurde nicht müde, meinem näheren Umfeld von dieser Errungenschaft zu erzählen. Gezweifelt hat an meiner Geschichte niemand – auch ich nicht -, denn mein Konsum hatte diese Auszeichnung durchaus gerechtfertigt. Selbst wenn der Farbwechsel ein purer Zufall war: Ich war stolz auf meine Theorie und auf meine Serien-Leistung sowieso.

Weniger Serien geschaut = geheimen Status verloren

Dann kam die Urlaubszeit. Vier Wochen lang war ich unterwegs, Mann und Kind im Schlepptau, Sonne statt Serien im Kopf. Bei meiner Rückkehr erwarteten mich mehrere E-Mails im Postfach mit Hinweisen von dir auf neue Serien. Vermutlich hattest du dir schon Sorgen gemacht, ob mir etwas zugestoßen sei. Es gibt den „Ausloggen“-Button, aber eben keinen „Ich bin im Urlaub“-Modus. Meine Abwesenheit hast du mir nicht verziehen.

Bei meinem nächsten Login bei Netflix war alles wieder wie früher. Es war, als wäre ich aus einem Traum erwacht, als hätte ich mir das mit der Profilfarbe nur eingebildet. Das Meeresgrün war zurück – und ich nur wieder ein audioviuell fixierter Realitätsflüchtling von vielen. Bis zum Ende des Jahres konnte ich daran nichts mehr ändern.

Download-Funktion – ich habe den Wink verstanden

Seit Januar bin ich nun wieder zurück im Job. Aber das muss ich dir nicht sagen, diese Info hattest du bereits. Dessen bin ich mir sicher, denn du hast in weiser Voraussicht ein neues Feature für diese Veränderung programmiert. Seit Dezember bietest du eine Download-Funktion an. Sie ist die große Chance für unsere Beziehung. 90 Minuten pro Tag sind nun für dich reserviert, dafür hat die Münchner Verkehrsgesellschaft gesorgt. Dein Angebot hast du pünktlich zum Jahreswechsel noch mal deutlich aufgestockt, was mir eine gute Auswahl bietet. Ich bin mir sicher: Wir beide kriegen das schon irgendwie hin. Und wer weiß, welche Farbe mein Profil in einigen Wochen haben wird. Violett fände ich recht schön.

Deine Netf…. Nina.

* Ich muss an dieser Stelle allerdings anmerken, dass die Zeitangabe leider nicht ganz vollständig ist, weil der Serienkonsumrechner sich irgendwann aufgehängt hat und ich daher gar nicht alle Serien einfügen konnte, die ich bereits auf Netflix gesehen habe. Es dürfte sich um +/- 100 oder 120 Stunden handeln.