Mutter im Schafspelz: Ich sehe kleine Menschen

Nichts ist spannender, erfüllender und berauschender als das Muttersein. Sagen Mütter. Nichts ist anstrengender, belastender und lauter als Kinder. Sagen alle anderen. Die Wahrheit liegt zwischen gutem Willen und Maiswaffeln. Nina-Carissima Schönrock wandelt auf dem reflektierten Mittelweg in ihrer Kolumne „Mutter im Schafspelz“.

Episode 1: Ich sehe kleine Menschen

Ich wache auf, schweißgebadet. Was war das nur wieder für ein seltsamer Traum, der so realistisch anmutet, dass ich tatsächlich kurz zum Küchentisch laufen und mich vergewissern muss, dass dort nichts liegt. Kein Briefumschlag, keine Bewerbung, in der jemand sein Interesse an dem freien Zimmer in unserer Wohnung bekundet.

Ich bin beruhigt, hatten sich in meinem Schlaf doch mehrere kleine Menschen bei uns eingefunden, die vom Herrn des Hauses mit offenen Armen und einem Heißgetränk willkommen geheißen wurden, weil da ja noch Platz sei bei uns, denn er suche einen Mitbewohner, der unsere Wohngemeinschaft mit seiner Anwesenheit und im Idealfall Humor bereichern möge. Kleine Menschen. In meiner Wohnung. Unserer Wohnung. In einem Zimmer, in das ich mich zurückziehe, um Netflix leer zu schauen. Dort will er jemanden einziehen lassen. Jemanden, der vielleicht gar keine Serien mag. Oder schlimmer noch: Der mehr Spaß dabei hat als ich.

Ich selbst fühlte mich während der Besichtigung wie ein Oompa Loompa, während der vermeintliche Charlie seine Gäste durch unsere Schokoladenfabrik führte. Seine Augen leuchten und je mehr er unser Heim anpries, desto mehr leuchteten auch die Augen unserer Besucher. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich mag kleine Menschen sehr, vor allem, wenn man sie nach einer gemeinsamen Stunde im Bällebad wieder ihren rechtmäßigen Besitzern zurückgeben kann. Durchaus verfolgte mich schon mehrmals der Gedanke wie es wohl sei, wenn man einen dieser kleinen Menschen nach der Spielestunde einfach behalten dürfte und mit nach Hause nehmen könnte, doch empfand ich das Leben als solches und im Großen und Ganzen derzeit eigentlich als recht angenehm und nicht veränderungsnotwendig.

Manchmal kommt es anders, ohne dass man denkt.

Ich schaue mich um. Die Küche ist ruhig, mein Fernsehzimmer ebenso leer wie der Küchentisch. Ich setze mich. Während ich tief durchatme und mich freue, dass die Welt intakt ist, verselbstständigt sich meine rechte Hand und wandert am neben mir stehenden Regal entlang bis zu der Schublade, in der sich alles findet, was in keinem gut sortierten Haushalt, in dem eine Frau lebt, fehlen darf: Aspirin und Feuerzeuge, Notfall-Tampons und ein Schwangerschaftstest. Ich ziehe meine Hand zurück, wie albern, was mache ich da nur? Ich lache laut. Noch mal. Sicher ist sicher. Dann muss ich dringend auf die Toilette. Haha, sage ich mir. Haha.

Als ich zurückkomme, bleibe ich an meinem Lieblingszimmer mit der kuscheligen Couch und dem großen Bildschirm stehen. Ich mag es. Sehr. Der Fernseher würde sich auch gut in der Küche machen, an der Wand gegenüber des Esszimmertischs wäre ohnehin noch Platz, dort wollte ich immer ein Bild aufhängen. Und die Couch, nun ja, auf der kann man ja auch einfach so sitzen und einen netten Abend verbringen, vielleicht ein gutes Buch lesen, eines, in dem es um kleine Prinzessinnen und große Herzen geht, um Hexen und sprechende Tiere, um Äpfel, Schuhe und die Liebe.

Letztere treibt mich zurück ins Bett, zum Herrn des Hauses, der seine lobhudelnde Rede über die Vorzüge einer offenen Küche aus meinen Träumen gegen leises Schnarchen in der Realität eingetauscht hat. Er atmet ein, und atmet aus, und wenn er morgen früh in die Küche kommt, wird der Küchentisch nicht mehr leer sein. Auf ihm liegt nun ein Mietvertrag, mit zwei blauen Strichen bereits unterzeichnet. Bis zum Einzug unseres neuen Mitbewohners haben wir zum Glück noch etwas Zeit.


Dieser Text ist der Auftakt zu einer Kolumne namens „Mutter im Schafspelz“, in der unterschiedlichste Themen und Begegnungen einer Frau während der Schwangerschaft begegnen – von allwissenden Verwandten über ratgebende Fremde bis hin zu Hechel-Kursen und die hormongelenkte erste Zeit nach der Geburt. Sie haben Interesse an dieser Kolumne und möchten Sie gern bei sich veröffentlichen? Dann schreiben Sie mir! Ich habe bereits eine Episodenliste, die ich Ihnen zur Übersicht übersenden kann für weitere, konkrete Absprachen.